Transparenz und mehr Unabhängigkeit in der Medizin

Probleme im medizinischen Alltag ergeben sich häufig aus kommerziell motivierten Fehl- und Desinformationen sowie der Beeinflussung klinischer Studien und Leitlinien durch finanzielle Interessenkonflikte. Die Verbreitung von Erkenntnissen aus derartigen Quellen mit unsicherer oder mitunter auch fehlender Evidenz kann einen zu häufigen oder zu seltenen Einsatz medizinischer Maßnahmen veranlassen, vermeidbare unerwünschte Wirkungen bei Patienten auslösen und den Einsatz vorhandener therapeutischer Optionen für eine gute medizinische Versorgung verhindern.

Unter dem Titel „Pathways to independence: towards producing and using trustworthy evidence“ ist 2019 im British Medical Journal ein sehr lesenswertes Memorandum erschienen, in dem von renommierten Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachgebieten Lösungen für dieses eminent wichtige Problem eingefordert werden ( Link zum Artikel ). Die diskutierten Lösungsansätze sind größtenteils nicht neu, jedoch als Denkanstöße gut geeignet, um in den bevorstehenden Jahren eine intensive Debatte zu führen, wie wir zu mehr Unabhängigkeit von kommerziellen Einflüssen in der Medizin kommen.

DER ARZNEIMITTELBRIEF hat im Dezember 2019 hierüber berichtet ( Link zum Artikel ) und unterstützt die Kernaussagen dieses Memorandums uneingeschränkt:

  •  Die weit verbreitete finanzielle Abhängigkeit von der Industrie führt zu Verzerrungen der in der Forschung erhobenen Evidenz, der medizinischen Fort- und Weiterbildung sowie den Entscheidungen im klinischen Alltag.
  • Derartige Verzerrungen bewirken, dass der Nutzen von Maßnahmen in der Gesundheitsversorgung übertrieben positiv dargestellt wird und deren Nachteile bzw. Schaden verharmlost werden. 
  • Eine größere finanzielle Unabhängigkeit von der Industrie ist wünschenswert und auch möglich, sofern empfohlene Reformen in Forschung, Fort- und Weiterbildung und klinischer Praxis umgesetzt werden. 
  • Alle vorgeschlagenen Schritte hin zu mehr finanzieller Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen erfordern Veränderungen in der Unternehmenskultur.

Die vorgeschlagenen Schritte hin zu mehr finanzieller Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen erfordern Veränderungen in der Unternehmenskultur. Wir benötigen vertrauenswürdige Evidenz, um informierte Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Nutzen wir die kommenden Jahre, um gemeinsam für mehr Unabhängigkeit und mehr Transparenz in der Medizin zu streiten.

Ihre Wolf-Dieter Ludwig und Jochen Schuler (Herausgeber)

Neue europäische „Leitlinie“ zur Lipidsenkung: As low as possible?

Die neuen Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) und der European Atherosclerosis Society (EAS) erweitern den Kreis der medikamentös behandlungsbedürftigen Menschen mit Hyperlipidämien erheblich. Die Grenze zwischen Primär- und Sekundärprävention wird aufgehoben, und die LDL-Zielwerte werden in allen Risikoklassen nochmals stark herabgesetzt. Die Zielvorgabe „as low as possible“ scheint aber nicht nur für das LDL-Cholesterin, sondern auch für das Niveau der Leitlinie zu gelten, denn diese ist in vielen formalen Punkten kritikwürdig. Daher sollte sie nach unserer Einschätzung allenfalls als interessengeleitetes Positionspapier einer industrienahen Fachgesellschaft und nicht als evidenzbasierte Leitlinie gelesen werden.
Lesen Sie unseren Hauptartikel aus dem Oktober

Über 100 Arzneimittel aus verschiedenen Indikationsbereichen haben mehr oder weniger starke anticholinerge Wirkungen. Eine britische Fall-Kontroll-Studie bestätigt Hinweise aus früheren Untersuchungen, dass der längerfristige Gebrauch von bestimmten Arzneimitteln mit anticholinergen Wirkungen mit einem um 29-70% höheren Risiko für das Entstehen einer Demenz assoziiert ist. CME Punkte

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